Mein Einstieg in eine Risikosportart (Gleitschirmfliegen)

Hallo alle zusammen,

ich möchte hier gerne die Möglichkeit nutzen über ein Thema zu sprechen, dass uns alle irgendwann mal betroffen hat oder auch denen immer wieder begegnen wird, die sich gerne in Risikosportarten bewegen.

Der Einstieg in eine Risikosportart (Gleitschirmfliegen)

Speziell soll es in diesem Beitrag um den Austausch von Erfahrungen zwischen Einsteigern und erfahrenen Piloten gehen und welche GEFAHREN damit für den Einsteiger einhergehen können.

Ich möchte an dieser Stelle gleich sagen, ich möchte keinem Angst machen oder darin beeinflussen, ob er oder sie nun den Schritt in eine neue Sportart mit einem gewissen Risiko auch wagen möchte oder nicht.

Vielmehr soll es eher ein Denkanstoß sein, mit welchem Bewusstsein wir vielleicht all unsere Sportarten, die vor allem in der Natur stattfinden, betreiben sollten, vor allem als Einsteiger.

In meinen 10 Jahren der Fliegerei und auch in einigen anderen Sportarten, habe ich es leider immer wieder erleben müssen und auch viel beobachten können bei anderen Sportlern, welche Tipps und Erfahrungen an Neulinge teilweise gegeben werden, wo ich nur mit dem Kopf schütteln kann, weil diese Worte einfach nur das Risiko deutlich erhöhen, als dass es eine gute und nutzvolle Info für denjenigen wäre, der sie bekommt.

Versteht mich bitte nicht falsch,

„der Austausch von Erfahrungen mit deutlich erfahreneren Piloten oder auch in jeder anderen Risikosportart ist unerlässlich, um mit immer mehr Sicherheit unterwegs sein zu können und das Restrisiko zu minimieren.“

Das Problem ist ja oft als Einsteiger, man bekommt gerade zur Anfangszeit unheimlich viel Theorie beigebracht, die auch in die Praxis übertragen werden möchte. Sicherlich gibt es auch immer den praktischen Teil einer Ausbildung, aber irgendwann ist man dann auch auf sich alleingestellt und steht nun da draußen am Berg und fragt sich, passt jetzt das Wetter wirklich, ist der Wind auch nicht zu stark oder übersehe ich vielleicht was, kann ich auf den Wetterbericht vertrauen, den ich mir angeschaut habe usw. Man ist dann teilweise doch etwas überfordert und hier und dort kann sich auch Unsicherheit breit machen. Ist also nicht immer so einfach.

Jetzt kommt dann zum Glück auch mal ein Local vorbei und man kann sich austauschen und wichtige Infos über das Fluggebiet bekommen, perfekt.

Nur was ist jetzt das Schwierige in dieser Situation?

Jeder Pilot hat seine eigenen Grenzen, eine andere Risikobereitschaft, eine bestimmte Einstellung zum Fliegen, einen gewissen Erfahrungsschatz, auf den er zurückgreifen kann usw.

Oft fehlt aber manchen Piloten das Gefühl dafür, die Dinge aus der Sicht des Einsteigers zu betrachten und ihn auch auf dieser Ebene zu begegnen. Damit meine ich, ich kann jetzt z. B. nicht von mir ausgehen und bei anspruchsvollen Bedingungen zu einem Anfänger sagen, das geht schon, nur weil ich selber solche Bedingungen gewohnt bin oder gelernt habe damit umzugehen.

Ein praktisches Beispiel, wie ich es erlebt habe:

Ich stand mit zwei Piloten an einem Berg, beide schon seit gut 20 Jahren im Gleitschirmsport unterwegs, ich war seit gut einem Jahr dabei. Wir standen auf einem Grat, Wiesen Richtung Osten und Wiesen Richtung Westen, richtig schön viel Platz. Von der Uhrzeit her war es so, dass die Sonne bereits beide Seiten recht gut erwärmt hat und der Wind langsam von Ost auf West wechselte.

Ich hatte meinen Schirm Richtung Osten ausgelegt, weil der Wind bisher von da kam. Durch den Windwechsel entstand aber schnell eine klassische Leesituation, die ich aber als solches nicht erkannt hatte. Der Wind kam nämlich immer mal wieder noch aus östlicher Richtung. Die beiden Piloten sagten nur, wir geben dir Bescheid, wenn der Wind von hinten kommt.

In einem Moment von angeblicher Aufwindphase ziehe ich meinen Schirm auf und starte. Ungefähr in einer Höhe von ca. 20 Metern bekomme ich einen anständigen, seitlichen Klapper. Ich war in dem Moment so perplex, dass ich nicht reagiert habe, um den Schirm direkt zu stabilisieren. Der Schirm dreht Richtung Berg und ich schlage mit voller Wucht auf dem Berg auf. Ich habe meine Füße angezogen und meinen guten Schaumprotektor einen Großteil der Energie schlucken lassen. Ich bin dann nach dem ersten Aufschlag nochmal gut 10 m weitergeflogen, bis es dann vorbei war. Mein Glück war, dass da noch überall Wiese war und keine Felsen.

Was will ich damit verdeutlichen? Versucht von Anfang an euren Hausverstand zu benutzen. Versucht ein Gespür dafür zu bekommen, wie sich die Piloten geben, mit denen ihr euch unterhaltet. Wirken sie ruhig und vernünftig, sehr bedacht oder kommen sie einem eher etwas draufgängerisch vor? Wie reden sie über das Fliegen? Reden sie darüber, als wenn sie über Fußball oder Schach reden würden, wo ein gewisses Risiko einfach nicht besteht oder reden sie respektvoll über das Fliegen? Und wenn ihr unsicher seid, sprecht ruhig über die Gedanken, die ihr in dem Moment habt, fragt den erfahrenen Piloten direkt und wenn er eine gesunde Einstellung zum Fliegen hat, dann wird er euch auch über mögliche Gefahren aufklären. Aber geht nie davon aus, dass der Pilot neben euch von sich aus sagen würde, dass du vielleicht lieber eine halbe Stunde warten solltest und besser Richtung Westen starten solltest, weil da gerade auf der Ostseite eine Leesituation herrscht.

Schaut einfach, dass ihr euch von Anfang an gut mit der Materie auseindersetzt, macht eure eigenen Gedanken, versucht viel Erfahrung zu sammeln durch Groundhandling und viel fliegen in Gegenden und zu Uhrzeiten, die euerm Können entsprechen. Und geht einfach mit einem aufmerksamen Bewusstsein in Gespräche mit erfahrenen Piloten.

Ich habe schon Fluglehrer kennengelernt, die privat unterwegs waren und da einfach eine hohe Risikobereitschaft an den Tag gelegt haben, wo man als Einsteiger ein völlig falsches Bild bekommen hätte, wenn man bei den Gesprächen zugehört hätte. Also immer seinen Hausverstand mit einpacken. :wink:

Wie schaut es bei euch aus, habt ihr schon ähnliche Erfahrungen gemacht? Oder habt ihr ein Thema, wo ihr euch noch unsicher seid und nicht wisst, wie ihr damit umgehen sollt?

Stellt eure Fragen, schreibt eure Erfahrungen und lasst uns gemeinsam unseren Sport sicherer machen. :wink:

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Super Bericht Sascha! Danke dafür! :slight_smile:

Ich bin ganz deiner Meinung. Das Phänomen erlebe ich recht häufig. Viele Piloten lassen sich vor allem vom Gruppenzwang beeinflussen…„wenn die starten, kann ich auch starten“… So ist es leider nicht immer und oft passieren gerade dann Unfälle. Jeder sollte / muss für sich selbst entscheiden, was er kann, bzw. nicht kann und ob er mit den Bedingungen umgehen kann. Man sollte sich auf keinen Fall von anderen, erfahreneren Piloten beeinflussen lassen, sondern immer in sich gehen und selbst eine Entscheidung treffen.

Wer sich dafür entscheidet, einen Berg wieder runter zu laufen, weil die Bedingungen zu anspruchsvoll sind, obwohl andere Piloten runter geflogen sind, zeigt nur Stärke! :wink:

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@Calli Danke für deine Worte, da stimme ich dir voll zu, dass Gruppenzwang mit Sicherheit eine große Rolle in unserem Sport spielt.

Das mit der Stärke ist ein guter Punkt. Da geht es gewissermaßen auch um das eigene Bauchgefühl. Ich denke das ist ungemein wichtig. Wenn ich mal in einer Situation bin, wo ich keine klare Entscheidung treffen kann, höre ich immer auf mein Bauchgefühl. Und ich habe die Entscheidung in solch einer Situation nie bereut.

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Ich muss sagen, das mit dem Bauchgefühl ist so eine Sache. In meinen jüngeren Jahren, hab ich mich sehr oft auf mein Bauchgefühl verlassen und bin dadurch in brenzlige Situation gekommen. Dabei fast immer mehr Glück gehabt als sonst irgendwas. Was dann natürlich als Folge mein Bauchgefühl „das Richtige getan zu haben“ immer noch mehr verstärkt hat. Aber leider in die falsche Richtung. Und somit bin ich immer mehr Risiko eingegangen.

Heutzutage habe ich eher das gegenteilige Problem. Mein Bauchgefühl sagt mir, dass ich was eher nicht tun sollte. Bis mir dann andere erfahrene Piloten zeigen (und oft auch ich mir selber, dadurch, dass ich es dann doch probiere), dass es überhaupt kein Problem ist. Deswegen ja, Bauchgefühl ist gut. Ganz oft können Emotionen einen aber auch dazu bewegen das Falsche zu tun oder sie stehen einem im Weg das Richtige zu tun.

Schwieriges Thema. Vor allem im Risikosport, wo die Konsequenzen hoch sind.

Aber viel wichtiger als das Bauchgefühl, finde ich was @Calli sagt. Wenn man zweifelt, lieber länger abwarten und beobachten (auch andere Piloten am Boden und in der Luft) und im „schlimmsten“ Fall einfach wieder absteigen und die Natur und Berge genießen.

Ich glaube Bauchgefühl funktioniert dann gut, wenn man bereits viele Jahre Erfahrung hat in Kombination mit einem gewissen Alter und Reife. Wenn man das beides nicht hat, kann das Bauchgefühl auch gern verleiten oder einem im Weg stehen.

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Wo ich das mit dem Bauchgefühl geschrieben habe, hatte ich fest damit gerechnet, dass sich dazu vielleicht jemand meldet, bei dem es anders läuft. :wink:

Es ist völlig richtig, dass nicht bei jedem das sogenannte Bauchgefühl so funktioniert, wie es jetzt bei mir ist.
Ich denke das Wichtigste ist, dass jeder versucht einen Weg zu finden, der für ihn oder sie funktioniert.

Der Punkt Zweifel ist nochmal gut, dass du es ansprichst und sehe ich so wie ihr beide. Zweifel sollten immer als Warnsignal gesehen werden.

Wie gesagt, jeder sollte sich seine eigenen Gedanken machen und nicht blind anderen Piloten einfach folgen.

Ich finde auch den Punkt „beobachten“ sehr wichtig. Wie auch Stefan schon gesagt hat, kann man auch viel dabei lernen, andere Piloten beim Starten oder Landen oder Thermikfliegen zuzuschauen. Also wenn mal Zweifel da sind, nicht verzweifeln, sich hinsetzen und mal anderen beim Fliegen beobachten bedeutet auch Erfahrung zu sammeln und das bringt einen immer wieder einen Schritt näher an die Fliegerei, wo man sich gerne sehen möchte. :blush: